Tierische Waisenkinder

Im Frühling passiert es jedes Jahr aufs Neue: Spaziergänger finden ein vermeintlich verwaistes Tierkind und nehmen es mit. In vielen Fällen wartet dieses Tierkind jedoch in Wirklichkeit auf seine Mutter, durch die es versorgt wird. Doch wie können Sie unterscheiden, ob es sich um eine echte oder „eingebildete“ Waise handelt?

Wir liefern Ihnen Antworten, worauf Sie achten sollten und wie die Tiermütter ihren Nachwuchs aufziehen. Diese Informationen werden Ihnen helfen, eine Entscheidung bezüglich der Mitnahme eines Tierkindes zu treffen.

Rechtliche Hinweise: Ein Wildtier der Natur zu entnehmen, erfüllt den Straftatbestand der Wilderei und kann rechtlich verfolgt werden. Nach Paragraph 43 (6) BNatSchG zufolge ist es allerdings zulässig, kranke oder verletzte Tiere vorübergehend aufzunehmen, um sie gesund zu pflegen.

 

Feldhase

Hasenweibchen gebären ihre Jungen ohne Nest und Bau in einer Mulde, daher kann es sein, dass man vermeintlich hilflose junge Hasen findet. Die Hasenmutter kommt ein- bis zweimal mal am Tag und säugt das Junge!

Junge Hasen sind geruchsneutral – wenn man den Kleinen also einmal angefasst hat, besteht die Gefahr, dass die Mutter durch den Fremdgeruch vertrieben wird und ihr Junges nicht mehr annimmt.

Ein Notfall liegt vor, wenn das Hasenjunge beispielsweise von Krähen attackiert wird, wenn ein Hund oder eine Katze das Jungtier findet oder wenn es dem Hasen offensichtlich schlecht geht.

 

Wildkaninchen

Für die Geburt legt das Weibchen einen eigenen Bau abseits vom Gemeinschaftsbau an, die Setzröhre. Den Eingang verschließt es mit Gras und Blättern und scharrt Erde darüber. Neugeborene sind nackt und blind und wiegen rund 40 bis 50 Gramm. Nach zehn Tagen öffnen sie die Augen, mit drei Wochen verlassen sie erstmals die Setzröhre und nach vier Wochen werden sie entwöhnt. Das bedeutet, dass ein gefundenes Wildkaninchen mindestens drei Wochen alt ist, falls es nicht durch Ihren Hund oder Ihre Katze gebracht wurde. Die Kaninchen können in der Regel ohne Hilfe überleben, wenn Sie es an der Fundstelle belassen.

 

Eichhörnchen

Eichhörnchen sind Säugetiere und hängen von der Muttermilch für die ersten 10 Lebenswochen. In der Regel braucht ein Eichhörnchen immer dann Ihre Hilfe, wenn es sich leicht einfangen lässt. Besonders Eichhörnchen die am Boden liegen (Steinboden, Gehweg, Balkon, Tiefgarage, Straße, etc.) brauchen sofort Hilfe. Das gilt auch für Tiere, die Ihnen hinterherlaufen oder gar versuchen an Ihnen hoch zu klettern.

 

Vögel

Junge Wildvögel darf man anfassen. Sie werden auch weiterhin von den Eltern versorgt. Kein Altvogel verstößt sein Küken, nur weil es von einem Menschen angefasst wurde. Es gibt zwei Sorten von Jungvögeln, die Sie unterscheiden sollten.

Nestlinge

Als Nestlinge werden die Jungvögel bezeichnet, die sich noch im Nest aufhalten. Nestlinge sitzen in der Regel zusammengekauert an einer Stelle und harren der Dinge, die da kommen mögen – kommt Futter, geht mit zirpendem Kreischen der Schnabel auf. Anfangs nackt und mit geschlossenen Augen, bildet sich rasch das Gefieder heraus, die Augen öffnen sich und der eine oder andere fängt an, unbeholfen im Nest herumzuturnen und es zu erkunden – und fällt dabei gelegentlich heraus. Während Sie unbefiederte Nestlinge leicht als solche erkennen können, kann es schwierig werden, einen Nestling von einem gerade ausgeflogenen Ästling zu unterscheiden, zumal einige Ästlinge das Nest frühreif verlassen.

Ästling

Was sind Ästlinge? Ästlinge sind voll befiederte Jungvögel, die das Nest verlassen haben. Sie sind zwar irgendwie aus dem Nest gelangt, können aber nicht besonders gut fliegen. Sie stürzen öfter ab und schreien wie verrückt nach den Eltern, die sie noch rund zwei Wochen lang mit Futter versorgen und zwischen Baum und Strauch so gut es geht betreuen. Diese Sorte finden Sie vermutlich öfter auf Ihren Wegen durch die Natur.

 

Was können Sie nun tun?

Bei Ästlingen immer aus einem Versteck, aus dem heraus man die Vogeleltern nicht stört oder erschrickt, mindestens eine Stunde lang den betreffenden Vogel beobachten, ob er nicht doch noch von den Eltern versorgt wird. Erst dann eingreifen!

 

Zusammengefasst bedeutet das:

  • Nackte oder nur wenig befiederte Jungvögel, also Nestlinge, die außerhalb des Nestes auf dem Boden herumliegen, mitnehmen. Diese Nestlinge überstehen oft Stürze aus großer Höhe völlig unverletzt. Sie sind hilflos, allerlei Gefahren ausgesetzt und werden von den Eltern nicht weiterversorgt – ohne eine helfende Hand sterben sie.
  • Ästlinge, die von ihren Eltern verstoßen, also nicht mehr mit Futter versorgt werden, obwohl sie sich noch nicht selbst ernähren können. Bitte vorher beobachten!
  • Verletzte Jungvögel – bitte Tierarzt aufsuchen!
  • Auf dem Boden aufgefundene Mauersegler und Schwalben gleich welchen Alters. Bei Mauerseglern und Schwalben bitte testen, ob sie flugfähig sind. Dazu auf einen Mauervorsprung oder ähnliches setzen und beobachten. Erst bei fehlender Aktion oder eindeutiger Schwäche in Aktion treten.

Wildtierstation im Bonner Raum:

Retscheider Hof, Retscheider Straße 7, 53604 Bad Honnef, Telefon (02224) 97690820

 

Ihr Tierarzt Bonn Dr. Ansgar Waldmann